Von Anke Zimmer – Im Original erschienen am 07.02.2026 in der Fuldaer Zeitung
Fotos: Sophia Walkenhorst
Gespannt warten Musicalfans auf neue Stücke aus der spotlight-Schmiede, und diesmal ganz besonders. Denn Anfang Juni feiert „Der Schimmelreiter“ Weltpremiere im Fuldaer Schlosstheater. Wie der Titel schon sagt, spielt ein Pferd darin eine geheimnisvolle Rolle. Und dieses Bühnentier ist nun in Fulda angekommen. Oder genauer: Die Drillinge sind da.
Hauke Haien sitzt auf seinem Stuhl an der Seite der Probenhalle. Noch hat er nicht viel von Theodor Storms Deichgrafen an sich, deswegen nennen wir ihn jetzt lieber bei seinem „bürgerlichen“ Namen Sascha Kurth. Der Sänger und Schauspieler lacht … „noch“, wie er sagt. Denn bald muss er rauf auf das Pferd. Auf den mystischen Schimmel. Mit dem er im Sommer über die Bühne des Fuldaer Schlosstheaters reiten wird. Und das Tier ist nicht gerade klein.
Kurth ist Hauptdarsteller des neuen spotlight-Musicals, mit dem der Komponist und Texter Dennis Martin sich einen lang gehegten Traum erfüllt und Fans seiner Stücke sowie Fans einer der großartigsten Novellen der deutschen Literatur mit seiner Vorfreude ansteckt. „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm, die Geschichte des Deichgrafen Hauke Haien, feiert am 5. Juni im Schlosstheater Fulda Weltpremiere. Und von Anfang an haben Martin und spotlight-Produzent Peter Scholz versprochen, dass das Tier aus dem Titel keine Projektion sein wird, sondern eine lebensgroße, voll bewegliche Puppe.
Roger Titley aus Südafrika ist mit den Pferden nach Fulda gekommen. Drei Schimmel für den Deichgrafen hat der Künstler mitgebracht. „Künstler“ – die Bezeichnung greift nicht umfassend genug. Designer und Puppenkonstrukteur? Auch nicht besser. Im Englischen wird er „Creator“ genannt, die deutsche Übersetzung „Schöpfer“ ist aber reichlich religiös behaftet. Nun denn.
Für ein paar Tage ist Titley in Fulda, nicht (nur) um zu sehen, wie die drei Pferde sich in der Probenhalle von spotlight eingewöhnen, sondern natürlich vor allem, um die Puppenspieler zu trainieren, die ihnen auf der Bühne Leben einhauchen werden. Was einfacher klingt als es ist.
Doch dazu später. Zunächst bleiben wir noch an der Seite des Deichgrafen Sascha Kurth. Die Gretchenfrage: Sag, Hauke, wie hältst du es mit dem Reiten? „Erfahrungen auf dem Rücken der Pferde – das gehörte zur Stellenausschreibung“, flachst er herum, fügt aber gleich hinzu: „Nein, Quatsch.“ Hat er denn welche? „Na klar. Als ich acht oder neun Jahre alt war, saß ich in einem Urlaub mal auf einem Pferd.“ Und wie war’s? „Eher unrühmlich.“ Und wieder lacht er. In den Sattel auf dem Rücken des Hauptschimmels darf er sich bei unserem Besuch im „Stall“ übrigens noch nicht schwingen. Denn die Sicherheitsvorkehrungen sind noch nicht ausgearbeitet. Die Schlagzeile „Hauke Haien fällt vom Pferd“ soll es schließlich nicht geben.
Der Hauptschimmel, wie wir ihn eben genannt haben, ist die Puppe, die am häufigsten auf der Bühne zu sehen sein wird. Pferd Nummer zwei ist sozusagen das Backup, der Dritte im Bunde kann nicht geritten werden, sagt Peter Scholz. Unerwartet beweglich sind sie alle. Die Gelenke, die Vorder- und Hinterläufe, der Rumpf, der Hals, die Ohren, der Schweif. Scholz ist gut gelaunt: „Vielleicht lässt der Schimmel ja ein paar Pferdeäpfel fallen?“

Die Tiere sind nicht Motor-, sondern Muskel-betrieben. Im Rumpf werden zwei Personen stecken, die auf ihren Schultern die Puppe tragen. Deren Vorder- und Hinterläufe werden anhand von Hebeln, die im Ruhezustand wie Ski- oder Walking-Stöcke aussehen, bewegt. Marta Di Giulio hat das mal ausprobiert. Sie gehört als „Associate Choreographer“ zum „Schimmelreiter“-Kreativteam von spotlight und arbeitet eng mit Regisseur Simon Eichenberger zusammen. „Es ist einfach Wahnsinn, was alles beachtet werden muss, damit das Tier möglichst natürlich geht“, erklärt sie. „Aber es ist auch so toll zu erleben, wie das alles funktioniert.“
Die beiden Puppenspieler, die bei unserem Besuch die tierische Last tragen, gehören übrigens zum Tanz-Ensemble. Was Körpereinsatz bedeutet, wissen sie. Die Anstrengung, Teil des Schimmels zu sein, ist ihnen anzumerken. Bewegungsapparat – das Fachwort bekommt für sie eine neue Bedeutung. Acht Beine müssen koordiniert werden. Peter Scholz verrät, dass professionelle „puppeteers“ noch zum Team stoßen werden.
Ein Dritter führt das Pferd am Zaum, und das wird in vielen Szenen Hauke himself sein. Diesen „Job“ hat sich Sascha Kurth ganz offensichtlich schnell angeeignet. Nicht nur, dass er bei einem kleinen Rundgang durch die Halle die Kommandos gibt – „Schritte nach rechts, Drehung, wir gehen weiter“. Er ist auch für die Kopfbewegung des Schimmels zuständig, für dessen Hochschrecken, wenn Marta Di Giulio klatscht, für den Blick zur Seite mit nach vorne gerichteten Ohren, die sanfte Annäherung des Pferdes an den Menschen, Nüstern voraus. „Wenn ich daran denke, dass ich auf der Bühne gleichzeitig noch spielen und vielleicht singen muss, wird mir schon anders.“
Behutsam neigt der Kopf des Pferdes sich dem Deichgrafen zu, als wolle das Tier ihn beruhigen. Da haben sich zwei gefunden! Dem stimmt Komponist Dennis Martin zu, der fasziniert zusieht, wie die beiden bereits jetzt miteinander interagieren. Er und Regisseur Eichenberger kannten Titneys weiße Pferde bis dato nur von Video-Calls. „Aber vis-a-vis wirken die nochmal ganz anders.“ Aug’ in Aug’ kann man noch nicht sagen. Denn die Puppen sind derzeit noch im Rohzustand.
Während die Pferde bewegt werden, arbeitet Eichenberger übrigens zusammen mit dem Bühnenbildner Charles Quiggin am Laptop. Aufgebaut ist die Drehkonstruktion, die beim Musical zum Einsatz kommen wird. Und ganz hinten, derzeit noch schwarz verhangen, „kommt unsere LED-Wand hin“, sagt Dennis Martin. „Damit wird unter anderem das Pferd in ein ganz anderes Licht gesetzt. Das wird mystisch!“ Keine Frage: Der Schimmel ist nicht von dieser Welt. Wie bei Storm…
Roger Titley gibt Sascha Kurth an unserem Besuchstag noch viele Tipps, demonstriert dem Fotografen die Mechanik im Pferd, zwischendurch findet er Zeit für ein kleines Interview (siehe gegenüberliegende Seite). Zum Schluss wünscht er sich noch etwas für seine drei Schimmel: „Bitte liebt sie.“ Denn Pferde, die geliebt werden, werden gestreichelt und gestriegelt. Und wer immer dieser Tag in der Probenhalle auf die Drillinge trifft, hält nicht an sich und fährt mit der Hand über ihr weiches Fell, kuschelt sich an sie, liebkost sie.
Das Fell ist momentan nämlich noch schneeweiß. Doch kein Schimmel, der etwas auf sich hält, ist so blütenrein sauber. Und einer, der an der Seite des Deichgrafen Hauke Haien Wind, Sturm und Aberglaube die Stirn bieten wird, schon mal gar nicht.